4. Wundtag des Wundnetz Berlin-Brandenburg e.V.

Im modernen Industrieflair des zur Tagungsstätte umgebauten Kesselhauses des Unfallkrankenhauses Berlin (UKB) fand der 4. Wundtag des Wundnetz Berlin-Brandenburg e.V. am 16.09.2017 statt. 100 Teilnehmer erlebten eine Fachtagung unter dem Themenschwerpunkt „Versorgung von Menschen mit Dekubitalgeschwüren“.
Der Tag startete für alle Vereinsmitglieder des Wundnetzes mit einer Mitgliederversammlung.

In seinem Eröffnungsvortrag schlug Thomas Finke (Facharzt in der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie/Zentrum für Wundmedizin Vivantes Klinikum im Friedrichshain und Vorstandsmitglied des Wundnetzes) thematisch einen Bogen von der Geschichte bis zur aktuellen Forschung und stellte in seinem Vortrag die Arten der Entstehung, die Pathophysiologie und die Besonderheiten in der Diagnostik von Dekubitalgeschwüren dar.


Nach dem Eröffnungsvortrag begrüßte Dr. med. Thomas Liebscher (stellvertretender Chefarzt des Behandlungszentrums für Rückenmarkverletzte des UKB) im Namen des gastgebenden Hauses alle Teilnehmer. Er beschrieb die modernen Behandlungsstrategien zur Vermeidung und Behandlung von Dekubitalgeschwüren bei Rückenmarkverletzten. Diese Patienten stellen eine besondere Herausforderung in der Problemstellung von jüngerem Alter, Traumaverarbeitung und Leben mit Behinderung, dar. In dieser Komplexität stellt der Dekubitus einen zu vermeidenden Zusatzschaden dar. Deshalb wird im Unfallkrankenhaus Berlin schon seit jeher besonderes Augenmerk auf dieses Risiko der Rückenmarkpatienten gelegt.

Den dritten Vortrag gestaltete Dr. med. Frank Sander (stellvertretender Chefarzt im Zentrum für Schwerbrandverletzte mit Plastischer Chirurgie im UKB). Er ging speziell auf die Probleme bei der Lagerung, Schmerzbehandlung und Möglichkeiten der plastischen Deckung sowie deren Nachbehandlung von Dekubitalgeschwüre ein.

In seinem Resümee des ersten Teils des Wundtages dankte Dr. Peter der praxisnahen und medizinisch hochaktuellen Präsentation der medizinischen Aspekte aus Sicht der drei Referenten und eröffnete die anschließende Pause mit dem vorbereiteten Mittagsbuffet.
Die Pause wurde von den Anwesenden zu zahlreichen Gesprächen genutzt. In der begleitenden Industrieausstellung konnten sich die Teilnehmer an den Informationsständen von 13 Ausstellern, aus den Bereichen Verbandmittelhersteller, Kompression und Leistungserbringung, über die aktuellen Möglichkeiten zur Behandlung von chronischen Wunden informieren.

Im Nachmittagsteil des Wundtages lag der Schwerpunkt auf organisatorischen Problemen im Zusammenhang mit Patienten und der Vermeidung sowie Behandlung von Dekubitalgeschwüren. Elke Butzen-Wagner (bis vor Kurzem noch aktiv in der Leitung des Wundmanagements der Universitätsmedizin Mainz) stellte in Ihrem Vortrag anschaulich dar, dass in der stationären Versorgung Dekubitalgeschwüre als Problemstellung seit langen Jahren strukturiert entgegengewirkt wird. So sind die Mitarbeiter durch Schulungen und die verpflichtende Meldung von Risikodaten sensibilisiert. Ein wichtiger Punkt ihrer Ausführungen war die zweifelhafte Bedeutung von Risikoskalen zur Einschätzung des Dekubitusrisikos, denn auch bei negativer Dekubitusrisikoeinschätzung kann aus der individuellen Situation des Patienten ein für erfahrene Pflegepersonen sofort erkennbares Dekubitusrisiko bestehen.
Die Dokumentationssysteme, die Implementierung des 2017 aktualisierten DNQP Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege und informelle Sicherstellung zum Wundkonsildienst und zu den ärztlichen Kollegen sind in der Regel durch ein entwickeltes Wundmanagement sichergestellt. Und doch sind Dekubitalgeschwüre insbesondere unter den Bedingungen von palliativer Versorgung und Intensivmedizin nicht vermeidbar sondern eine fachliche Herausforderung, der sich das multiprofessionelle Team selbstverständlich und im mit dem Patienten abgestimmten Maße widmet.

Gerhard Schröder (Fachdozent und Geschäftsführer der Akademie für Wundversorgung) verwies in seinem Vortrag insbesondere auf die juristische Konsequenz einer unzureichenden Vermeidungsstrategie und beschrieb anschaulich die Komplexität des Zusammenspiels der Professionen. Auch er ging auf den Expertenstandard ein und betonte die Möglichkeiten zur organisatorischen Absicherung eines professionellen pflegerischen Handelns und der Rechte der Patienten zum Beispiel zur Beantragung von Dekubitusprophylaxesystemen. Krankenkassen müssen Hilfsmittel wie Schuhe oder Matratzen gegen Druckgeschwüre bezahlen. Das steht ganz klar im Gesetz. Der verordnende Arzt muss in die Verordnung schreiben, dass ein Dekubitus unmittelbar droht. Das Bundessozialgericht hat bereits im Jahre 2002 entschieden, dass die Träger der gesetzlichen Krankenversicherung dann zahlen müssen (BSG AZ B 3 K 15/02R). Das ist herrschende Rechtslage, leider aber bei vielen Ärzten, Pflegediensten und Pflegeeinrichtungen unbekannt.

In ihrem zweiten Vortrag ging Elke Butzen-Wagner auf die aktuellen gesetzlichen Veränderungen zum Entlassmanagement von Krankenhäusern und deren Bedeutung für Patienten mit chronischen Wunden ein. In der anschließenden Diskussion wurde die zukünftige Entwicklung von Bewertungssystemen zur Risikoeinschätzung und die Konsequenzen einer schlechter werdenden Personalsituation diskutiert.

In der Nachmittagspause wiederholte sich bei Kaffee und Kuchen der aktive Diskurs der Teilnehmer und der Besuch der Industrieausstellung.

Im letzten Teil der Veranstaltung stellte zunächst Frau Amrei Hohenwald (Selbständige Podologin, Wundexpertin ICW e.V. und Vorsitzende des Deutschen Verbandes für Podologie (ZFD) LV Berlin Brandenburg e.V.) die handwerkliche Arbeit der Podologen an anschaulichen Praxisbeispielen vor und ging auf die notwendige interprofessionelle Zusammenarbeit im Interesse der Behandlungsergebnisse bei Patienten mit chronischen Wunden ein. Umso mehr betonte sie die erfreuliche gemeinsame Ausrichtung des Wundtages 2018 von Podologenverband und Wundnetz unter dem Themenschwerpunkt „Behandlung des diabetischen Fußsyndroms“.

Im Schlussvortrag beleuchtete Maik Stendera (Leiter Krankenkassenmanagement, mamedicon GmbH) die in der Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden relevanten gesundheitspolitischen Veränderungen. Schwerpunkte seines Vortrages waren die Zusammenarbeit von Versorgungspartnern vor dem Hintergrund der Antikorruptionsgesetzgebung, die zu erwartenden Impulse infolge des Heil- und Hilfsmittel-Versorgungsgesetzes (HHVG) und der Neuregelungen zum Entlassmanagement.

In seinen Schlussworten dankte Dr. Peter allen Referenten, Ausstellern und Teilnehmern für den produktiven Austausch und den Mitarbeitern der mamedicon GmbH für die organisatorische Arbeit zur Vorbereitung und Durchführung des Wundtages. Er verwies darauf, dass ein Teil der Vorträge und Impressionen des Wundtages auf der Homepage www.wundnetz-berlin-brandenburg.de für die weitere fachliche und inhaltliche Diskussion zu erreichen sind.

Zuletzt verabschiedete Dr. Peter die Gäste mit Verweis auf den nächsten, dann 5. Wundtag des Wundnetz Berlin Brandenburg am 06. und 07. April 2018 in der Charité Campus Virchow in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Verband für Podologie (ZFD) LV Berlin Brandenburg e.V.

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